SportKegeln auf den Kopf gestellt

Sportkegeln ist nicht gerade die Sportart Nr. 1 in Deutschland. Aus diesem Grund sind Mittel für Sponsoring bzw. zur Forschung und Weiterentwicklung der Sportart sehr gering vorhanden. Trotzdem ist Sportkegeln in Deutschland sowie speziell in Bayern sehr populär.

Während in anderen Sportarten der Sektor Diagnostik und Analyse eine bedeutende Rolle spielt, gibt es beim Spiel auf alle 9 Kegel doch nur sehr wenig wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse. So hat Fußballbundestrainer Joachim Löw seinen aktuellen Kader für die EM 2008 auf der Grundlage jahrelanger Beobachtungen und Analysen der einzelnen Spieler zusammengestellt. Um die Spieler messen und in Grundmuster einordnen zu können, werden zahlreiche Methoden und Verfahren angewandt.

Sebastian Rüger, 15 Jahre alt, interessierter Fußballfan aber auch selber Sportkegler, beobachtet diese Entwicklung schon seit einigen Jahren und fragt sich immer wieder, warum es für den Kegelsport solche Methoden nicht gibt. Mit 15 Jahren ist Sebastian mittlerweile 198 cm groß und zählt trotz „Basketballergröße“ zu den hoffnungsvollsten Nachwuchskeglern in Oberfranken. Sein Ziel ist die Leistungsspitze in Deutschland. Um dieses zu erreichen ist ein Mix aus Talent, Training, fachkundiger Betreuer und Trainer aber auch eine gesunde Portion an Neugierigkeit auf die Sportart Kegeln zwingend notwendig. Hier hebt sich Sebastian deutlich von anderen Sportlern ab.

Bereits im Juli 2007 berichtete Sebastian anlässlich einer Trainerfortbildung an der Sportschule Oberhaching vor rund 40 Kegeltrainern über seine Gedanken. Das gerade ein damals 14-jähriger Gymnasiast sich so „mit seiner Sportart“ beschäftigt erregte schon sehr viel Aufsehen. Er berichtete über sein Vorhaben, in einer Studie unterschiedliche Kegler auf verschiedenen Kegelbahnen zu analysieren und Ansatzpunkte für eine Leistungsverbesserung zu erhalten. Auch sollen die Erkenntnisse für Trainings- und Ausbildungseinheiten genutzt werden können.

Durch Anmeldung im Wettbewerb „Jugend forscht“ erfuhr Sebastian erste Unterstützung durch das Gymnasium Alexandrinum in Coburg. Seine Untersuchungen zum Thema „Wie wirkt sich der Kugeldrall auf den Kegelfall aus“ wurde von der Jury im Wettbewerb für das Jahr 2008 in der Kategorie Arbeitswelt „Schüler experimentieren“ eingeordnet. Für Beiträge zum Thema Sport gibt es derzeit keinen getrennten Wettbewerb. Zwar ist das Projekt keine „Neuerfindung“ jedoch zeigt die Verleihung eines Sonderpreises die Qualität der Arbeit.
Wie bedeutend Sebastians Untersuchungen sind, zeigte sich einerseits im großen Interesse im fast halbjährigen Erhebungszeitraum. Besuche auf Kegelbahnen in ganz Süddeutschland (Augsburg, Sandhausen, Bamberg, Oberhaching) brachten bei den Testkeglern eine Vielzahl an Informationen. Nicht nur die Kegler, sondern gerade auch die Funktionäre fanden die Gedanken, Methoden und insbesondere die von Sebastian eigens entwickelte Simulation „revolutionär“. In zahlreichen Schreiben u.a. vom Bundestrainer im DKBC Karl-Heinz Schmidt aber auch der Jugendgremien wurden die methodischen Ansätze positiv bewertet und gleichzeitig die Ergebnisse für die laufenden Vorbereitung für die kommenden Weltmeisterschaften angefordert.


Um einen neutralen, ohne Kugeldrall ausgeführten, Wurf zu erhalten, hat Sebastian in einer vierteljährigen Entwicklungsarbeit eine Simulation aus Holz entworfen. Die hier gewonnenen Ergebnisse wurden den Werten der Sportkegler gegenübergestellt. Um diese auch wirklich messen zu können, waren weitere „Erfindungen“ notwendig. Die am PC manuell erfassten Zahlen werden in Sebastians Auswertungen in Diagrammen zum Kugellauf, Gleichmäßigkeit, gefallene und stehengebliebene Kegel, Drallbild aber auch in einer Leistungskurve pro Kegler dargestellt.

Die so gewonnenen Erkenntnisse können nun getrennt nach Spitzenkegler (Bundesliga) und Anfängern, unterschieden nach Geschlecht aber auch nach Spielweise gruppiert und hieraus spezifische Erkenntnisse gezogen werden. Von jedem einzelnen Kegler verfügt der 14-jährige Sportkegler über umfangreiche Informationen in Form von erfassten Daten aber auch über Videoaufzeichnungen. Seine Erkenntnisse beziehen sich jedoch nicht nur auf die Einzelsportler und Kategorien. Quasi als Abfallprodukt hat Sebastian auch grundlegende Aussagen im Lehrwesen des Sportkegeln überprüft und kam auf doch sehr interessante Erkenntnisse. Exemplarisch sei hier die Untersuchung eines idealtypischen Kugellaufs zum Fall aller 9 Kegel genannt.Um seine Ergebnisse auch systematisch und fortlaufend anzuwenden, hat er seine methodischen Ansätze mit bereits in anderen Bereichen praktizierten Methoden verglichen und festgestellt, das er grundlegende Elemente der Methode „Data-Mining“ für seine Analyse verwendet. Die entscheidenden Elemente von Data-Mining hat er auf seine Bedürfnisse umgewandelt und so einen Werkzeugkatalog für Trainer und Sportler entworfen. Seine eigene Methode SKEA „Sportkegler Ergebnisanalyse“ führt er ständig fort, wodurch er auch nach Abschluss seines 1. Projektes „Jugend forscht“ über eine einmalige Datenbasis verschiedener Sportkegler verfügt. Durch gemeinsames Training mit einem Nationalspieler, aber auch durch Auswertung unterschiedlichster Ergebnisse, teilweise aus dem Internet oder durch Besuch von Bundesligaspielen, kann er „seine“ Ergebnisse laufend verifizieren und so Typisierungen und Veränderungen in der Sportart Kegeln erkennen.

Mit diesen Erkenntnissen arbeitet Sebastian bereits am nächsten Beitrag für den Wettbewerb „Jugend forscht“. Zusammen mit einem Kegelbahnhersteller entwickelt er die „erste“ Analyse- und Diagnostikkegelbahn in Anlehnung an verschiedene Leistungs- und Diagnostikinstitute in anderen Sportarten.

Insgeheim hofft Sebastian zusammen mit seinen eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen auch sein sportliches Ziel „Spitzenkegler“ zu erreichen.Wie wichtig seine Erkenntnisse aber auch für die Sportart Kegeln und insbesondere für den deutschen Kegelsport sind, zeigt sich in den zahlreichen Stellungnahmen führender Trainer und Funktionäre. Die Qualität seiner Arbeit wird im Regionalwettbewerb 2009 belohnt. In der Kategorie „Arbeitswelt“ belegte Sebastian Platz 2 unter einem starken Teilnehmerfeld.

Ansprechpartner: Sebastian Rüger, Tannenweg 11, 96271 Grub am Forst, Tel. 09560 / 98 10 10, RHS-Grub@t-online.de