Mit 66 Jahren…

Mit 66 Jahren…

… da fängt das Leben an! Zumindest bei Udo Jürgens. Wie heftig aber die körperliche Anstrengung im Alter sein kann, bekommt ihr hier im Beitrag zu lesen.

Am 01.10.2013 bekamen Schüler des beruflichen Gymnasiums der SBBS in Sonneberg die Möglichkeit, einen Alterssimulationsanzug zu tragen, um das Generationenverständnis zu verbessern. Dabei konnten sie die Einschränkungen des Alterns am eigenen Leib erfahren.

Wer kennt die Situation nicht? Vor uns an der Kasse steht eine ältere Dame. Stunden vergehen, bis sie sich durch ihren Geldbeutel gewühlt hat. Jugendliche – inklusive mir – sind in ihrer Alltagshektik schnell davon genervt und können nicht nachvollziehen, warum sich die „Alten“ immer so anstellen. Dass dies aber durch körperliche Einschränkungen hervorgerufen wird, die mit dem Altern einhergehen, wird oft vergessen.

Deshalb organisierte der Schüler Tobias Mages im Rahmen seiner Seminarfacharbeit zum Thema „Generationenkonflikt“, die er gemeinsam mit Janina Hügle und Anna-Maria Röhm schrieb, ein Schulprojekt mit der Wolfsburg AG. Ziel war es, Jugendlichen die Einschränkungen des Alterns am eigenen Leib zu zeigen, damit diese Verständnis gegenüber älteren Menschen entwickeln können. Hierfür wird der „Alterssimulationsanzug MAX“ der Wolfsburg AG zum Einsatz kommen. Der Anzug besteht aus 13 einzelnen Bestandteilen, die zu Einschränkungen des Sehvermögens, des Hörvermögens, der Bewegung, des Tastsinn und zu einem muskulären Kraftverlust, in drei unterschiedlichen Beeinträchtigungsgraden, führen.

Das Projekt begann mit einer Präsentation von Sabine Hohenhövel über die Wolfsburg AG, den demographischen Wandel und die Entwicklung und Absichten des Alterssimulationsanzuges. Anschließend meldete sich der erste Schüler, um den Anzug auszuprobieren.

Schon bei den Schuhen stellte er fest: „steif und schwer, abrollen ist nicht“. Es folgten Hose, Bein- und Kniegelenkschiene, Weste, Armgelenkschiene, Handschuhe, Handmanschetten, Halskrause, Brille und Gehörschutz. Nun forderte die Moderatorin ihn auf, sich selbst am Rücken zu kratzen, was dem Frischling trotz aller Anstrengungen nicht gelang. Daraufhin ging Frau Hohenhövel mit dem Jugendlichen aus dem Klassenzimmer hinaus und suchte die nächste Treppe. Die Bewegungen des Schülers wurden bereits deutlich langsamer. Mit einem leichten Buckel und gesenktem Kopf stapfte er hinter ihr her. Der junge Mann fühlte sich auf seinen Beinen so wackelig, dass er sich selbst für die drei Treppenstufen am Geländer stützen musste, die er sonst ohne Stress hinunter steigt. Im ersten Stock angekommen, war die Puste auch schon weg!

Als nächstes ging es zum Auto der Wolfsburg AG. Einsteigen bitte – kein Problem oder? Der Schüler wollte wie gewohnt vorwärts einsteigen, scheiterte jedoch daran sein Bein hoch genug zu heben. Er drehte sich herum und versuchte sich rückwärts in den Sitz fallen zu lassen. Als er im Auto saß, stellte er entsetzt fest, wie weit er seinen Kopf drehen musste, um vom Linken, in den rechten Rückspiegel blicken zu können. Beim Aussteigen aus dem Auto musste er sich erst mit Kraft zur Seite drehen und sich anschließend am Lenkrad und dem Autorahmen hinaus ziehen. Alles nicht so leicht…

Der letzte Teil der Übungen bestand aus feinmotorischen Übungen, wie das Sortieren von elektrischen Sicherungen oder das Durchlesen der Zutatenliste einer Nudeltüte oder Aufschrift einer Mundspülung. Hierbei wurde deutlich, wie stark sich das Farbsehen und die Sehschärfe im Alter verändern. Weitere Übungen bestanden daraus, Sicherungen auf ein Brett aufzustecken, eine Mutter auf eine Schraube zu drehen oder ein Smartphone zu bedienen. Diese Aufgaben zeigten, wie stark die Motorik der Hände im Alter eingeschränkt wird. In der letzten Übung wurden die beiden vorherigen Übungen verbunden, indem der Schüler dazu aufgefordert wurde 37 Cent aus einem Geldbeutel zu suchen – wo wir wieder beim Thema wären – Er wühlte im Geldbeutel und hatte Mühe dabei eine Münze zu greifen. Um erkennen zu können, um was für eine Münze es sich handelte, musste er sich diese direkt vor seine Brille halten.

Nach einer anschließenden Umfrage war eines klar: Respekt, was alte Menschen durchmachen.

Das wichtigste Ergebnis war jedoch, dass durch das Projekt 85 % der Schüler ihre Sichtweise auf Senioren verändert haben und sich 12 der 14 beteiligten Personen nun verständnisvoller, toleranter und rücksichtsvoller gegenüber älteren Menschen verhalten wollen.

Lange Rede, kurzer Sinn – beim nächsten Einkauf wird einfach mehr Zeit eingeplant!